Gedankensplitter, Teil 01

Sinnkrise

Wir in Europa und ganz besonders in Deutschland haben, zumindest was die mittelalte und ältere Generation angeht, eine Sinnkrise. Das ist unverkennbar, denn anders lassen sich die seltsamen Krisen und Ursachen derselben in nahezu allen Motiven des Lebens nicht erklären. Ich komme dabei immer mehr zu der Überzeugung, das hier unsere mentale Struktur uns einen Streich spielt, denn der jungen nachwachsenden Generation fehlt es an Erfahrung, der mittleren Generation an Kampfgeist, der alten Generation an Lernbereitschaft und die ganz Alten unter uns können nicht mehr auf dem Stand der Technik sein. Es mag ja sein, das unter uns auch Menschen leben, die sich in dieses Raster, das zugegeben grob gestrickt ist, nicht einpassen lassen, aber ihre Zahl ist so niedrig, das ihre Wirkkraft noch sehr eingeschränkt bleiben muss. Besonders in Führungspositionen wird ja zunehmend eine Motivation verlangt, die kritisches oder gar analytisches Denken gar nicht mehr zulässt und die sich sozusagen mit Scheuklappen am Kopf durch ihre Aufgaben wühlen müssen. Es geht um die Umsetzung von am Reißbrett entstandenen Plänen, vorgegebenen Doktrin, fremdgesteuerten Vorgaben und natürlich um eine wie immer auch gefasste Laufrichtung, die scheinbar so ausgerichtet sein muss, das sowohl der innehabende Posten als auch die Funktion des Bestehenden in Bezug zu Karriere und Lobbyismus nicht ins Wanken gerät. Das alles sind innovationsfeindliche Ausrichtungen, die außer festhalten und „immer weiter so“ nicht mehr anpassungsfähig sind. Verantwortung wird ausgewichen und unkenntlich gemacht, und niemand traut sich mehr, „um die Ecke herum“ zu denken oder wenigstens einmal gezielt in die Tiefe der Strukturen zu schauen. Was scheinbar nur noch zu gehen scheint ist, das man entweder mit viel Geld und neuen Schulden die Lücken zu schließen versucht, was neue, noch viel tiefere Lücken ins System einbringt und so die Krisen noch weiter ausdehnt und verschleppt oder die großen Masse der Menschen immer größere Einschränkungen der Freiheit auferlegt. Wir müssten einsehen, das angesichts der immensen technischen Entwicklungen, die schon wegweisend angefangen haben, wir nicht an den bisherigen Verfahren festhalten können. KI wird nie mehr verschwinden oder gezügelt werden können, auch die Waffentechnik wird sich immer weiter entwickeln. Die Szenarien, die sich als Gau oder gar als Supergau-Ereignisse ankündigen, werden nicht zurückgedreht werden können. Der Abgrund, an dem wir stehen, wird nicht einfach verschwinden. Wir müssen schon grundlegende Änderung im System aller Lebensbereiche initiieren, um auch nur einen Schritt vom Abgrund zurücktreten zu können. Dazu bedarf es einer breitgefächerte Lern- und Disputbereitschaft, was nichts anderes bedeutet als die Bildung über alle Altersgruppen hinweg deutlich in der Prioritätenliste nach oben zu setzen. Alle erwachsenen Bürger unseres Staates sind Wähler und bilden zusammen den Souverän. Das nennt sich Demokratie. Da kann und darf sich niemand mehr ausruhen und wartend zurücklehnen, wie das gerade so in Mode ist. Wir müssen alle, auch die Alten, erneut lernen, zu lernen. Nur wenn wir begreifen, was droht, kann eine Änderung angegangen werden. Die Alternative ist einfach: Einen Schritt weiter Richtung Abgrund wird sonst alle Probleme für uns lösen. Mit uns verschwinden dann auch unsere Probleme und Krisen im Abgrund. Manchmal vermute ich im Stillen, das diese allerletzte Strategie schon von einigen Lenkern und Sammlern gedacht und verfolgt wird. Sie planen doch schon ihre Ausweichquartiere auf Mond und Mars, wollen schon bald ein Atomkraftwerk und Bauten auf dem Mond errichten und reisen auf Raketen festgeschnallt in den Weltraum. Das sind doch keine netten Ausflüge, sondern ist schon von den Anforderungen her Stress pur. Ich liebe solche Verschwörungstheorien immer mehr, seit sich der Trend abzeichnet, das immer mehr derselben sich als real existierend herausstellen.

Prioritäten- und Beziehungspyramide

Wenn ich so in der gemütlichen Plauderei des Gesellschaftslebens gefragt oder angesprochen werde, wie ich meine ganz persönlichen Krisen zu handhaben pflege – Eine Frage, die oft nicht offen gestellt wird, sondern sich in der Plauderei verborgen vorgetragen wird. – antworte ich oft mit der Darstellung meiner Prioritäten– bzw. meiner Beziehungspyramide.
Beginnen möchte ich mit der Ersten, den Beziehungen und ihrer Einordnung. Ganz oben steht hier für mich die Lebensgemeinschaft mit Partner oder Partnerin, was Freundschaft, Vertrauen und eine umfassend Nähe-Akzeptanz einschließt. Darunter auf der zweiten Ebene befinden sich richtige Freunde, das sind für mich Menschen, die sich untereinander einfach mögen und die ganz ohne Grund sich treffen, beisammen sein wollen und auch bei Bedarf zum Zueinanderzustehen bereit sind. Nur das sind für mich Freunde, und da ist es egal, ob es sich auch um Verwandte, Kollegen oder andere Bezugspersonen handelt. Die dritte Ebene ist bereits für mich sehr abgespeckt. Da befinden sich Menschen, die einen Bezug zueinander haben, der von Verwandtschaft, Arbeitskollegialität, Nachbarschaftsverhältnissen bis zu Sport- und Vereinskollegen reicht und die sich niemand wirklich aussuchen kann. In der vierten Ebene sind dann Menschen ganz allgemein angesiedelt, zu denen ein Bekanntheitsgrad entwickelt ist. Man hat sich irgendwann und -wo mal gestreift und ist sich über den Weg gelaufen. In der fünften Ebene sind alle Menschen eingeordnet, zu denen bisher so gut wie kein Kontakt hat stattfinden können, weil man sich nie wirklich begegnet ist. Hier ist Höflichkeit und Toleranz das allgemeine Prinzip. Und darunter befindet sich dann die sechste und letzte Ebene. Hier ordne ich die Menschen ein, die sich mir persönlich gegenüber aggressiv, feindlich, schädigend und extrem eigennützig verhalten haben und mit denen ich nichts, absolut nichts mehr zu tun haben möchte. Hier ist dann für mich der Faden gerissen und keine Nähe mehr möglich. Und da gibt es auch keine Absolution mehr, nur noch Gleichgültigkeit, welche allerdings ein allgemein und auf alle anzuwendendes Mitgefühl einschließt. Und bitte, Hass, Missgunst und Rache sind Motive, die nur der Person schaden, die diese Gefühlswallungen in sich trägt. Das sind für mich Gefühle, die ich bei mir nicht zulassen kann.
Ähnlich aufgebaut, nur kleiner strukturiert und unschärfer gestaltet, ist die Prioritätenpyramide, die bei mir als Grundlage für Entscheidungsprozesse dient. Die Spitze der Pyramide und daher ganz oben steht das Leben und das Lebensgefühl an sich. Alle weitreichende Entscheidungen, die ich treffe, müssen durch diese Prüfung hindurch, müssen sicherstellen, das sie für mein Leben und mein Sein keine schädigende und behindernde Einflüsse in Gang setzen. Natürlich lassen sich hier und da Einschränkungen nicht vermeiden. Darum geht es nicht. Auch sind Mut und das Motiv „Da muss ich jetzt durch“ durchaus akzeptabel, sofern beide bestimmte ungeschriebene Grenzen nicht überschreiten. Nicht alle Entscheidungen sind ja frei in ihrer Gestaltung, und oft sind die verbleibenden Möglichkeiten sehr begrenzt. Wagemut und das berühmte Spiel, „alles auf eine Karte setzen“ sind für mich keine Entscheidungsmotive. Sie sollten nur ganz selten bis nie zum Zuge kommen dürfen.
Die zweite nicht unwesentliche schwächer gestaltete Ebene darunter steht unter dem Motiv Freiheit, und hier ist sowohl die Meine als auch die Anderer gemeint. Das Motiv lässt sich wie ihre Überschrift schwer beschreiben, da Freiheit eine Nähe zu Weisheit besitzt und sich beide Begriffe nur schwer allgemein definieren lassen. Hier sind Situationsentscheidungen zu fällen, oft in Zeitdruck, für die es keine wirklichen Regeln gibt. Die genannten Begriffe befinden sich unausgesprochen stets im Hintergrund wirkend und sollten auch im Stillen wirksam bleiben. Die Fragestellungen dazu sind „Bin ich danach noch frei?“ und „Wäre es weise, so zu handeln?“. Mehr zu sagen darüber ist bereits „Unsinn erzählen“. Allerdings kosten Prozesse der zweiten Ebene immer Zeit und finden nur selten spontan statt. Spontanität ist ja oft eine Handlung, die sich entweder bereits vorgefertigt in der Kultur vorfindet oder aber persönlich im sogenannten Vorausdenken schon getroffen wurde. Sehr selten sind letztere damit verbunden, das sich eine außergewöhnliche Chance anbietet, auf die entweder gewartet oder auf die gehofft wurde. Den kulturell üblichen Reaktionen stehe ich angesichts der gesellschaftlichen Krisen sehr zurückhaltend gegenüber. Von daher sind Entscheidungen für mich immer mit Nachdenken verbunden. Die Dauer dieser Prozesse ist situationsabhängig. Manche lassen große Spielräume zu, andere eben nicht. Allerdings suche ich „in Eile sein“ oder „na dann eben so“-Gedankengänge zu vermeiden. Damit habe ich nur sehr schlechte Erfahrungen gemacht.
Die dritte Ebene der Prioritätenpyramide beinhaltet die gesellschaftlichen Grundzüge, denen ich nicht entfliehen kann. Dazu zählen finanztechnische Problemstellungen, die Auswahl der Beschäftigungen und Zielvorstellungen, für die ein vorgefertigtes Verhalten notwendig sind. Oftmals sind da zeitbegrenzte Aktivitäten zu nennen, ohne die sich ein wie immer geartetes Ergebnis nicht erzielen lassen. Beispiele dafür sind Vorbereitungsaktivitäten auf Prüfungen jeglicher Art, sind Sparmaßnahmen angesichts großer notwendiger Anschaffungen oder Einschränkungen, die aufgrund von Krankheit oder zur Genesung eingegangen werden sollten. Aber auch die Erfüllung von Wünschen spielen hier eine Rolle. Wenn ich doch gerne X machen möchte, wenn ich M erreichen möchte oder der Traum A zur Umsetzung möglich ist, benötige ich ein entsprechendes Verhalten. Allerdings sind hier Entscheidungen erst möglich, wenn die Ebenen Leben und Freiheit eingebunden wurden und zugestimmt haben.
Innerhalb der Entscheidungspyramide sind Überschneidungen nicht zu vermeiden, und wie gesagt spielt der Zeitfaktor ein bedeutende Rolle. Angesichts der Komplexität der Gesellschaften heute sollte sich jeder, der mit umfassenden Entscheidungen konfrontiert sieht, die sich mit Leben, Freiheit und möglichen Zielerreichungen zu tun haben, schon die Zeit dafür nehmen. Sehr oft treffe ich Entscheidungen erst einmal im Stillen, lasse sie eine Weile ruhen und hole sie dann wieder aus dem Schlaf zurück, um erneut darüber nachzudenken. Und oft haben sich die Motive um diese Entscheidung herum so einschneidend geändert, das andere Möglichkeiten sich auftun. Trotzdem muss irgendwann ein Einschwenken in einen Weg getroffenen werden, und nach dem Kommunizieren derselben gibt es keinen Weg zurück. Auch darüber muss Klarheit herrschen. Nur im Aufschieben oder im „Andere für sich entscheiden zu lassen“ sind Lebenssinn und Freiheit nicht wirksam und lassen sich Ziele nicht erreichen. Auf Glück zu setzen ist ungeschickt und oft mit Enttäuschung verbunden. Es gibt, das sagt schon die Wahrscheinlichkeitsrechnung, immer Glückspilze, aber die sind selten und oftmals angesichts ihres „Glück gehabt Habens“ auch nicht immer glücklich. Ein Blick in die Medien sagt da mehr als unsere Traumvorstellungen.

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