Diskurse
Mir fallen immer mehr Positionen ein, die allgemein in der Gesellschaft anerkannt und als selbstverständlich gelten, die in meinen Augen so nicht mehr vertretbar erscheinen und hinterfragt werden müssten, nur finde ich meist mit meinen Argumenten keine sinnvolle Beteiligung bei den Wenigen, die überhaupt noch bereit sind, über solche Fragen zu diskutieren. Es sind überwiegend Fragen, die direkt oder indirekt mit Krieg, Völkerverständigung, Gerechtigkeit oder Machtmissbrauch zu tun haben. Wenn ich denn mal eine Diskussion einleiten kann, verschwinden sehr schnell die übergreifenden Themenkomplexe in kleinlich zusammengestellten Detailfragen und der überschaubare Zusammenhang geht verloren. Die Diskussion verflacht schnell in individuell ausgestalteten Einzelthemen und endet meist in einer Gesprächsform, die man gewöhnlich als Plauderei bezeichnet: Jeder erzählt von sich, auf streitbare Aussagen des anderen wird weder eingegangen noch wird auf sie bezogen nachgehakt. Aus meiner Sicht ist diese Verflachung der Streitkultur einer der Gründe, die aus einer Demokratie eine Ochlokratie machen, was eine Gesellschaftsform des Mobs bzw. einer Mehrheitsfraktion bedeutet. Hierin sehe ich zur Zeit zumindest die größte Gefahr für unsere Gesellschaften. Wir bräuchten wieder Diskurse, die der Definition einer Streitkultur Rechnung tragen, wie sie in einer Demokratie notwendig sind.

