Das gute, richtige und sinnvolle Leben

Die unterschätzte Frage nach dem Sinn

Immer wieder, wenn Besucher mein Büro betreten und sich dort angesichts der 1500 Bücher, die die Wände in Form von Billy-Regalen füllen, dann interessiert nach den Titeln der Werke scannen, die aufgereiht in den Fächern stehen, sehe ich oftmals die Frage auf den Stirnen aufleuchten: Wann und vor allem warum um alles in der Welt liest der dieses Zeug nur? Und obwohl mir diese Frage nicht nur selbst erschien, sondern auch schon aktiv gestellt wurde, kann ich sie nach wie vor nicht beantworten. Irgendwie sind diese Bücher 1 alle miteinander verbunden. Sie sind, so erkläre ich es mir heute, mittels Studium im ausschließlich häuslichen Umfeld eine der brennendsten Fragen zu beantworten, die ich mir, seit ich denken kann 2, immer wieder stelle. Und diese Frage lautet so etwa sinngemäß und etwas provokant ausformuliert: Was soll das alles eigentlich sein hier auf dieser Welt, was wir so leichtsinnig Leben nennen? Oder allgemein formuliert wäre das die einfache Frage nach dem Sinn des Lebens.

Diese Frage nach ‚dem Sinn des Lebens‘ stellt sich eigentlich nicht ganz so einfach, wie sie hier formuliert ist. Vielmehr müsste sie heißen: Was ist das Leben selbst? und gleich darauf in der Konkretisierung derselben: Wie kann oder sollte es sinnvoll oder richtig gelebt werden in Angesicht unserer persönlichen und in der Erweiterung der globalen Situation auf unserem Planeten? Das ist die eigentliche Fragestellung, die meinem Lesen seit vielen Jahren zugrunde liegt. Man könnte auch sagen, ich suche einfach 3 nach Antworten auf meine elementarsten Fragen. Aber das stimmt so in meinem Fall nicht ganz. Denn der Zweifel ist in meiner Wahrnehmung nicht allein die Triebkraft meines Fragens, denn da sitzt tief in mir auch eine Sehnsucht, die wahrscheinlich das Ziel verfolgt, diesen bereits genannten Zweifel zu negieren. Beide, Zweifel und Sehnsucht erscheinen mir wie ein Pärchen zu sein, wo einer ohne den anderen nicht auskommen kann. Wächst die Sehnsucht, wächst auch der Zweifel, wächst der Zweifel, wächst auch die Sehnsucht: Ein Teufelskreis? Nun müsste hinter den ‚Teufelskreis‘ eigentlich ein Ausrufezeichen stehen, nicht wahr? Wieso aber steht da ein Fragezeichen? Nun, ich bin mir nicht sicher, ob Sehnsucht und Zweifel, jeder für sich allein, Bestand haben können. Ich fürchte vielmehr, das in mir Sehnsucht und Zweifel mehr eine polare Struktur aufweisen, in der der Eine ohne den Anderen nicht existent sein kann. In einer Polarität können die Elemente nicht aufgelöst werden, sondern es muss zu einer den Widerspruch übersteigenden Einigung kommen, in der nicht die Elemente, sondern der ihnen eigenen Widerspruch gelöst wird. Es erscheint mir wie die Ausführung einer Iteration, in der durch Setzung von Werten in unendlichen Kreisen und Wiederholungen sich eine Annäherung an ein mögliches Ergebnis erreicht wird. Und den Begriff ‚Werte‘ müsste ich darin durch die Begriffe Vorschläge, Theorien, Grundannahmen, Lehren, Strukturannahmen, Philosophien, Systemausarbeitungen und ähnliches ersetzen. Soweit bin ich heute in der Selbst-Erklärung meines lesenden Tuns. Ich muss dazu sagen, und das ist wichtig zum Verständnis, das ich nicht lese, um Wissen anzuhäufen. Ich kann den Inhalt der Werke, die ich mal gelesen habe, nicht aus der Erinnerung rekapitulieren. Das war niemals und ist auch jetzt nicht mein Ziel. Ich lese also nur, um für mein persönliches Denken, ohne das je irgendwo oder irgendwem mitteilen zu wollen, Anstöße zu bekommen, Schubser sozusagen, die mich in meiner oben genannten Iteration einem möglichen Ergebnis näherbringen. Nicht das ich Wissen gering schätze, das stimmt so nicht, aber ich denke und befürchte heute mehr und mehr, dass die Anhäufung von allzu viel Wissen auf der Basis einiger weniger Annahmen allein 4 ein Denken erzeugt, dem letztlich dann ein dogmatisches System zugrunde liegt. Und hier komme ich mit einem Grundsatz meines Denkens in Konflikt, dem einzigen, den ich bisher absolut festlegen konnte, nämlich der Tatsache, das Dogmatik und Freiheit sich unvereinbar gegenüberstehen. Zwischen den beiden ist keine Polarität möglich, die sich auflösen könnte. Da ist nur Widerspruch pur.

Die Frage nach dem guten, richtigen und sinnvollen Leben

Somit sind jetzt an dieser Stelle die Grundlagen und Erläuterungen gelegt. Ich komme also zur Fragestellung zurück, die ich diesem Artikel zugrunde legen wollte:

Gibt es ein gutes, richtiges und sinnvolle Leben, das sich in Wort und Schrift beschreiben lässt?

Nun habe ich für die Fragestellung in dieser Form eine Auswahl von drei Adjektiven eingefügt, die das Leben in einer Eigenschaft beschreiben. Ich hätte auch andere Eigenschaften auswählen können wie zum Beispiel ‚leidenschaftlich‘, ‚aufregend‘, ‚erfolgreich‘, ‚strahlend‘, usw., die grundsätzlich etwas als allgemein positiv Bewertetes angesehen werden. Wer, auf dieser Überlegung beruhte die Auswahl, fragt schon nach dem schlechten Leben, nach den ‚falschen‘, ‚sinnfreien‘, ‚kaltblütigen‘, ‚langweiligen‘, ‚erfolglosen‘ oder dunklen Seiten eines Lebens. Und doch, gibt es das gute Leben, muss es doch wohl auch ein wie immer geartetes schlechtes Leben geben, und für alle anderen Eigenschaftsworte gilt das doch wohl ebenso. Jede Aussage also, das wäre hier einmal festzuhalten, die mit einem Eigenschaftswort belegt ist, gebiert automatisch auch die Existenz ihres Gegenteils und spaltet somit, was auch immer als Objekt der Betrachtung genannt ist, hier also das Leben. Ich bin irgendwann, ich denke sehr spät erst im meinem Leben, zu der Überzeugung gelangt, das so Fragen zu stellen kein Ergebnis haben kann. Und wenn ich diese Festsetzung, was Überzeugungen immer sind, als eine der Grundlagen meines Lesens und Fragen setze, müsste ich das Gros meiner Bücher in die Tonne stecken. Denn jedes Sachbuch, gleichgültig, worüber es auch immer informieren mag, kommt irgendwann an den Punkt, wo eine Auswahl mittels Eigenschaften gesetzt werden muss.

  1. Es handelt sich neben Werken zu Zen, Yoga und anderen Körperaktivitäten um philosophische, psychologische, religiöse und anthropologische Sachbücher. Einige Autoren seien beispielhaft genannt: Jung, Hesse, Nossak, Brunton, Radhakrishnan, Han, Agamben, Jaspers, Sprengler, Eliade, Osho, Wilber, Foucault, Derrida, Deleuze, Neumann, Krishnamurti, Bloch. Von einigen in dieser Auswahl besitze ich nahezu jeden Titel, der auf deutsch erschienen ist, und habe vieles davon auch wenigstens einmal gelesen.
  2. Damit ist der Zeitpunkt gemeint, an dem ich erstmals einen stets wachsenden Zweifel bemerkte, der mir angesichts der allgemein üblichen Lebenssituation in Deutschland immer stärker ins Bewusstsein strahlte. Ich setze ihn im Rückblick so um 1990 an, da war ich Mitte Dreißig.
  3. einfach: Ein Wort, das ich gerne benutze, um einen Allgemeinplatz zu kennzeichnen.
  4. Beispiele dafür sind politische Systeme wie ‚Repräsentative Demokratie‘, Sozialismus, Kommunismus, Monarchie, und so weiter.
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