Abschied von Aufklärung und Glauben und… ?

Was mich immer wieder umtreibt, was mich anhalten und nachdenken lässt ist die Frage, warum tun Menschen das, was sie tun? Und ganz besonders stellt sich mir diese Frage, wenn ich mich innerhalb einer Gemeinschaft aufhalte, die ein ganz bestimmtes Hobby eint, die sich zu einer Organisation verbinden, die dem Broterwerb wegen geschaffen wurde oder einer selbigen, die sich zum Wohle und zum Dienst am Menschen, sich an der Natur oder dem Erhalt des Gegebenen, oder an den Antworten auf die Fragen aller Fragen sich versuchen 1.

Wie viele andere habe auch ich mich in verschiedenen Gemeinschaften versucht, war bemüht, die jeweils als wichtig betrachteten Vorgaben zu erfüllen, habe gelernt, das Wesentliche in fremden Sprachen zu benennen, die entsprechende Kleidung zu tragen, die notwendigen Accessoires zu besitzen und manchmal auch zu verwenden und mich sozusagen anzupassen an den Geist der Gemeinschaft, der ich angehören wollte. Selbst Essen und Trinken blieben von diesem Prozess oft nicht verschont, die gehörte Musik nicht, der Tagesablauf nicht und auch nicht die Freundschaften, die sich verdichtend meist dann doch nur noch innerhalb der zu lebenden Gemeinschaft abzuspielen pflegten. In meinen Augen waren bis heute trotzdem alle diese Bemühungen vergebens.

Und immer wieder stellt sich mir die Frage, muss ich zum Beispiel als übender Karatekämpfer den Fußstoß „Mae Geri“ nennen oder wäre für mich als deutschsprechender Mensch nicht „Fußstoß“ doch der bessere Ausdruck. Aber das könnten ja doch nur kleinliche Oberflächlichkeiten sein, die vielleicht der internationalen Verständigung dienlich sein könnten. Muss ich aber als Karate-Übender die mühsam erworbene Freiheit der europäischen Kultur an der Dojo-Tür aufgeben und mich dem Diktat eines Trainers unterwerfen, der zur Strafe für eine schwache Trainingseinheit mich im Entengang durch die Turnhalle watscheln lässt? Im Übungsraum gehört nämlich die Unterwerfung unter den Träger des höchsten Gürtels zur japanischen Tradition. Diese gilt absolut. Muss diese aber auch in Europa Geltung besitzen? Gibt es hier also einen kulturfremden Raum, in den sich einzubinden absolut notwendig erscheint, um diesen Sport ausüben zu dürfen? Diese Frage hat mich lange beschäftigt, und ich bin erst spät zu der Überzeugung gelangt, das diese Unterwerfung doch weitestgehend sinnvoll ist. Aber ganz so einfach habe ich es mir nach reiflicher Überlegung mit der Unterwerfungsbereitschaft dann doch nicht gemacht, denn diese Unterwerfung verlangt meiner Überzeugung nach einen Meister, der nach den Vorgaben seiner Tradition Vorbild und Autorität nicht nur im ausgeübten Sport, sondern auch im Gesamtbild seines öffentlichen Lebens zu verkörpern in der Lage ist. Und da hapert es meiner Meinung nach in vielen mir begegneten Fällen massiv an den Fähigkeiten, die Führungspersönlichkeiten, und das nicht nur in Sport und Hobby, sondern auch im Beruf, den Wissenschaften und Kirchen, vorzeigen konnten.

Ein entsprechendes Bild, allerdings in einer anderen Prägung kann ich im Yoga begegnen. Yoga-Übende sind ja dem Klischee nach leicht zu erkennen: Sie tragen entsprechende Kleidung und Accessoires, lieben indisches vegetarisches Essen, hören indische Musik, benutzen indische Duschgels und heilen sich und andere mit Mitteln des Ayurveda. Die Haltungen, die täglich geübt werden, haben Namen aus dem Sanskrit, und in vielen Studios gibt es ebenfalls eine Hierarchie, die sich aber nicht an Rangabzeichen, sondern sich mehr an der Summe der besuchten Fortbildungskurse für Lehrende und Leiter festmacht. Wer also das Sagen hat in der Übungsstunde ist etwas anders geregelt als, wie gesehen, in japanischen Traditionen. Hier sind die Autoritäten und deren Ausübung zwar ebenfalls spürbar, aber alles ist weniger absolut geregelt und Zuständigkeiten werden mehr gesetzt 2.

Soweit vielleicht zur Beschreibung der Fragestellung, die ich eingangs für diesen Artikel gestellt habe: Warum tun Menschen, mich eingeschlossen, so etwas und warum tun sie es so, wie sie es tun?

  1. Wer bin ich? Warum bin ich hier? Was ist nach der Stunde meines Todes?
  2. Es kann schon mal sein, das nicht immer der anwesend „Fortgeschrittenste“ der Anwesenden die Übungsstunde anleitet. Der Leiter der Einheit ist einfach gesetzt, und alle halten sich an diese Vorgabe, ohne zu diskutieren.
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