November

Alljährlich im November erinnert der Wald an die Vergänglichkeit des Seins. Das Leben auch Sterben heißt, dass das Ende unausweichlich ist, wird beim Anblick der Kahlheit eines Baumes deutlicher illustriert, als es dem Menschen mit seiner Kunst gelingt.
Die Tage dieses Monats sind kurz. Die Stunden des Schlafens werden nicht mehr beendet durch die wärmende Kraft der aufgehenden Sonne, und oft versteckt sich das Licht des Himmels hinter dicken Wolkenbänken. Die Tage sind grau und leblos.
Grau und leblos ist auch das Fühlen, das Gedankenspiel der Lebenden, Denkenden. Gereiztheit liegt in der Luft, und nicht selten gelangt unerträglich stark die aufgetürmte Niedergeschlagenheit zum Durchbruch.
Krisen, das lange Jahr niedergehalten, erstickt von purer Lebensfreude, erreichen ihren Höhepunkt. Die Freude beschränkt sich meist auf ein Sehnen nach Schönen, Zerstreuenden. Während die Augen sehnsuchtsvoll die grün und hell, lebendig und erfrischend wirkenden Urlaubserinnerungen aufsaugen, nippen raue Lippen an heißen Getränken. Das Gespräch handelt von Gestern und Morgen, das Heute ist verdrängt.
Der Nebeling ist wie die Lupe des Jahres. Alles vergrößert sich in seinem meist trüben Licht, Sehnsüchte und Ängste, Niedergeschlagenheit und Trauer. Nur das Glück erstarkt im Angesicht der allgegenwärtigen Verzweiflung, und Liebe, im Herbst geschmiedet, hält oft länger, als uns das Leben zu denken gestattet.
Der elfte Monat zeigt die Wechselhaftigkeit und Vielheit des Seins. Er ist der Spiegel des Jahres, erweckend und ermüdend zugleich.
HS  1975

 

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