Das Leben lässt uns immer einen Ausweg

Wie oft erlebt ein jeder diese Situation: Es lief alles vollkommen glatt, und kein einziges Staubkorn konnte das Fahrwasser trüben, und plötzlich, ohne Vorwarnung und der Möglichkeit der Reaktion, bricht das ganze Gebäude unserer Sicherheit zusammen wie ein schlecht gestelltes Kartenhaus. Aus dem Nichts erscheint eine gewaltige Klippe und ein Kentern ist unausweichlich. Es passiert einfach, und wieder einmal werden wir uns gewahr darüber, dass nichts, aber auch wirklich nichts mehr zu ändern ist.

An diesem Punkt, genau da, gilt es einzuhalten. Alles andere führt zu der wohlbekannten kuriosen Situation der Schadensbegrenzung, des unaufhörlichen Kompromisses, in dem der Mensch sich hinreißen lässt, nach und nach alles aufzugeben, fallenzulassen, herauszurücken, was ihm immer schon etwas bedeutet hat. Wer je einmal die Jahre des Scheiterns einer Ehe, einer Freundschaft oder Beziehung erlebt hat, weiß, wovon hier gesprochen wird. Nach und nach, Stück für Stück gehen die Ideale zugrunde, werden Vorsätze und Wertvorstellungen aufgegeben, verliert der Betroffene das Gefühl für Fairness und Respekt, geht Selbstbewusstsein und Selbstachtung baden.

In einen chinesischen Weisheitsbuch heißt es, dass der große Krieger seinem Gegner selbst in der Niederlage immer den Raum lässt, sich zurückzuziehen, und er lässt ihm diese Möglichkeit um des späteren Friedens willen. Das Gesicht zu wahren ermöglicht es der unterlegenen Partei, Frieden zu schließen und sich ins unausweichliche zu fügen, und dies ohne Hass und Rachegedanken. Nun ist das Leben auch ein großer Krieg, und allen Widerständen zum Trotz, aller Krankheiten und sonstiger Gemeinheiten hat es bis zum heutigen Tage überlebt, und es geht noch immer seinen Weg der Entfaltung.

Auch das Leben bietet uns immer einen Ausweg, hält uns einen Weg offen, unser Gesicht zu wahren und Frieden zu schließen. Und dieser Weg zeigt sich uns, wenn wir einhalten, stehenbleiben, oder, anders ausgedrückt, wenn wir für einen Moment die Stille suchen. Die Klippe zeigt sich und das Kentern stellt sich uns als Aufgabe. Und jetzt, in diesem Erkennen der neuen Aufgabe heißt es doch, alle Konzepte der Vergangenheit, alles planen und streben fallen zu lassen, denn die Klippe ist neu, ganz und gar unbekannt. Und indem ich das Alte fallenlasse und die neue Aufgabe annehme, indem ich mit Aufmerksamkeit im Neuen versinke und dieses ganz lebe, werde ich den Ausweg, so es einen gibt, finden.

Nun ist ein solches Kentern auf einem Boot oder Schiff eine eindeutige Situation. Viel schwieriger ist es, die bereits erwähnten Situationen in diesem Licht zu sehen: Ehe, Freundschaft, Beziehung. Wenn wir unser Leben genau beschreiben würden, würden wir sehen, das gerade diese Themen einen Großteil unseres zivilisierten Lebens ausmachen. Wann schon kommt der moderne Zivilisationsbürger schon mal in solche Lebensgefahr wie auf dem besagten Boot?

Gerade das Umsetzen des beschriebenen Prinzips des Scheiterns auf solche modernen Situationen ist die Aufgabe des modernen Menschen. Rechtzeitig das Scheitern zu sehen und dieses im Erkennen zu akzeptieren, ist in unserer Zeit eine selten geübte Tugend. Und so bleiben die Wege oft verschlossen, die als Ausweg sich eröffnen, und die Betroffenen verlieren ihr Gesicht, ihr Vertrauen in das Leben und ihren Glauben an das Sein.

Es ist ein mutiger Schritt, einzuhalten, das Hoffen und Bangen einzustellen und sich einzugestehen: ich stehe vor einer Wand, und die Wand will nicht weichen, und ich bin zu schwach, sie umzustoßen und es geht hier nicht weiter. Und jetzt bleibe ich stehen, werfe das Vergangene über Bord und schaue, was im Neuen sich so bewegt, voller Aufmerksamkeit und Offenheit. Und jetzt wird ein neuer Weg sich öffnen, und ich werde ihn gehen ohne zu zögern und zu zaudern, und ohne zurückzuschauen. Das ist Leben.

 

HpS (23.08.2003)

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