{"id":714,"date":"2022-07-24T12:36:35","date_gmt":"2022-07-24T12:36:35","guid":{"rendered":"https:\/\/hpsperzel.de\/?p=714"},"modified":"2022-07-24T12:36:39","modified_gmt":"2022-07-24T12:36:39","slug":"haben-wir-verlernt-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hpsperzel.de\/?p=714","title":{"rendered":"Haben wir verlernt zu sein?"},"content":{"rendered":"\n<p>Haben wir Menschen verlernt zu sein? Immer wenn ich in meinem Garten stehe und unseren fliegenden Mitbewohnern der Welt zusehe, die hier gerade ihren Nachwuchs aufziehen und alle Schn\u00e4bel voll zu tun haben, habe ich im hintersten Teil meines Kopfes mein eigenes \u201eIn der Welt sein\u201c im Kopf und ziehe Vergleiche. Und da ich seit meinem Ruhestand sehr viel mehr Zeit zur Verf\u00fcgung habe, stehe ich des \u00f6fteren mal in meinem Garten und schaue. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alles um mich herum scheint bem\u00fcht zu sein. Die Nachbarn putzen, m\u00e4hen, reparieren, j\u00e4ten und gestalten Haus, Hof und Garten, die Insekten streben von Bl\u00fcte zu Bl\u00fcte und sammel f\u00fcr sich und ihr Volk, die nistenden V\u00f6gel sind flei\u00dfig bestrebt, ihrem Nachwuchs Futter ins Nest zu bringen, die Eichh\u00f6rnchen sausen durch die benachbarten B\u00e4ume und suchen beziehungsweise verstecken ihre N\u00fcsse, im benachbarten Kleingarten wird flei\u00dfig geh\u00e4mmert und gestaltet, und von Zeit zu Zeit \u00fcberfliegt ein startendes Flugzeug das Haus und \u00fcberf\u00fcllt das Ohr mit T\u00f6nen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gut es mir doch ergeht, gerade jetzt, wenn ich schaue und lausche. Mein Garten ist nicht gerade gut gepflegt. Die Ausnahme bilden die Blumenk\u00e4sten, Beete und T\u00f6pfe, f\u00fcr die sich meine Partnerin verantwortlich f\u00fchlt. Meine Ecken einschlie\u00dflich der Rasenfl\u00e4che scheinen in einem Wildwuchs befangen zu sein, der sich nicht in geordneten Bahnen abspielt. Ich habe mich oft gefragt, was eigentlich diese Ordnung, die wir kollektiv anzustreben scheinen, eigentlich bedeutet. Viele Vorg\u00e4rten in meinem Bezirk sind mit Steinen ausgelegt, auf und zwischen denen nichts zu wachsen scheint. Die G\u00e4rten hinter den H\u00e4usern sind kurz gem\u00e4ht und weder eine G\u00e4nsebl\u00fcmchen-Kolonie noch der Gemeine Feinstrahl, weder Ochsenauge noch Schafgarbe haben dort eine Chance zu wachsen. Ist das, frage ich mich oft, denn im Sinne der Natur, die jeder Kreatur doch ein Leben erm\u00f6glichen m\u00f6chte. Ich habe daher unl\u00e4ngst beschlossen, Ordnung anders aufzufassen, den samst\u00e4glichen Rasenm\u00e4her so einzustellen, das zumindest die kleinen Bl\u00fcten stehenbleiben k\u00f6nnen und ich m\u00e4he nur dann, wenn Regen ansteht, die Wurzeln aller Pflanzen meines Gartens nicht durch die Sonne austrocknen k\u00f6nnen und ihnen so eine M\u00f6glichkeit bleibt, erneut ihr Wachstum gen Himmel zu richten. So sind mein Rasen, sind die Beete meiner Partnerin immer mehr zu einer Schutzzone, einer Lichtung und einer Wiese geworden, ein belebtes Refugium, das immer gr\u00f6\u00dferen Zuspruch zu bekommen scheint. Falter, Bienen, Wespen, M\u00fccken und Hummeln gibt es hier zuhauf, und viele V\u00f6gel nutzen die Wiesenfl\u00e4che zur Futtersuche und besuchen die Wasserstellen, die ich aufgestellt habe, zum Trinken und auch zum Baden. Und oftmals, wenn ich bemerke, das Kandidaten auf Futtersuche oder mit Durstgef\u00fchl meine Anwesenheit st\u00f6rt, verziehe ich mich dann hinter meine Fenster und schaue durch die Spalten der Gardinen, was sich dann dort drau\u00dfen so alles abspielt. Oft bemerke ich dann, das sich kleines Getier auch an der Scheibeninnenseite tummelt, mit oftmals sp\u00fcrbarer Verzweiflung den Weg nach drau\u00dfen sucht und nicht findet. Ein Glas mit Bierdeckelabdeckung hilft dann in letzter Konsequenz, oftmals mit Widerstand und Panik des Eindringlings verbunden, den Transfer nach drau\u00dfen doch noch zu erlangen. Ich frage mich dann, ob sie bemerken, das ich helfen will, oder ob sie nur w\u00fctend sind ob der kurzen Dauer ihrer Gefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir Menschen tragen dasselbe Leben in uns, das die Tier- und Pflanzenwelt da drau\u00dfen auch tr\u00e4gt, dem sie wie wir auch folgen und das sie zu verwirklichen helfen. Trotzdem sch\u00fctze ich auch im Angesicht dieses Wissens mein Heim, zumindest im Innenbereich, vor lebenden und nicht eingeladenen G\u00e4sten. Ich fange sie ein und setze sie, wie bereits erz\u00e4hlt, nach drau\u00dfen und ich wei\u00df nicht, ob sie das auch wollen, w\u00fcnschen und ob sie froh dar\u00fcber sind. \u00dcberhaupt sch\u00fctzen Menschen ihr Refugium mit absoluter H\u00e4rte, und diese wachsen und wachsen und wachsen und schr\u00e4nken immer mehr die Welt des anderen Lebens ein. Nun, andere Lebewesen tun das auch, nur scheinen sie nicht so gierig und so erfolgreich zu sein, zumindest im Vergleich mit dem Menschen. Haus, Hof, Gesch\u00e4ft und Garten wachsen \u00fcberall, und die darin zu erhaltende Ordnung, die aus vielen Dingen besteht, nimmt immer mehr Zeit in Anspruch, Zeit, von der der Mensch heute sagt, das sie knapp bemessen und stets als zu wenig vorhanden wahrgenommen wird. Ist dem so? Oder ist es vielmehr die allseits zu pflegende Ordnung, die Zeit verknappt? Die steinernen G\u00e4rten wurden angelegt, da sie wenig Arbeit machen, also wenig Pflege ben\u00f6tigen. Sie sehen an jedem beliebigen Tag immer gleich aus, weil: Sie leben nicht. Mein Garten hingegen sieht jeden Tag anders aus: Neue Bl\u00fcten und neue hungrige Insekten, neue Larven entwickeln sich und bieten Nahrung f\u00fcr unsere singenden fliegenden Mitbewohner, \u00fcberall wuchert es und w\u00e4chst. Was viele Wochen von G\u00e4nsebl\u00fcmchen \u00fcbers\u00e4t schien, wird pl\u00f6tzlich gelb. Schl\u00fcsselblumen und andere Gew\u00e4chse tauchen auf, die Schafgarbe dazwischen leuchtet wei\u00df, und sogar Kreuzblumen lassen sich hier und da mal blicken. Und ich scheue mich, das alles mit dem lautstarken Rasenm\u00e4her, der zus\u00e4tzlich noch die nistenden V\u00f6gel st\u00f6rt, zu zerfetzen und auszumerzen. Das ist doch Leben, das sich m\u00fcht, und meine Ordnung ist doch nicht die ihre. Und die Halme st\u00f6ren mich doch nicht, im Gegenteil, es ist bunt, immer wieder neu und spannend. <\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>Was ich beobachten kann ist doch, das sich keine Blume scheut neben einer anderen Art zu wachsen, das unterschiedliche V\u00f6gel im gleichen Baum br\u00fcten und Hummeln, Bienen, Wespen und andere an der gleichen Bl\u00fcte sich laben. Was also ist los mit uns Menschen? Und ich nehme mich selbst dabei nicht aus. Warum sind wir so anders als die anderen Tr\u00e4ger des Lebens. Sogar der L\u00f6we in Afrika schl\u00e4ft friedlich inmitten einer Zebraherde, deren Mitglieder sich zwar respektvoll im Abstand zu ihrem Fressfeind aufhalten, aber sicher zu sein scheinen, das L\u00f6wen nur dann gef\u00e4hrlich sind, wenn sie Hunger haben. Ich denke, beim Menschen als Feind w\u00e4re das anders. Da gibt\/g\u00e4be es keine Ruhephasen und daher auch keine Sicherheit. Kein anderes Wesen baut Z\u00e4une oder Burgen, zumindest nicht so dimensioniert wie in menschlicher \u201enormaler\u201c Gr\u00f6\u00dfe. Wenn ich mich in meiner Stra\u00dfe so umschaue, leben wir als Familie oder Paar in kleinen Gef\u00e4ngnissen, und wenn wir unseren Aufenthaltsort wechseln m\u00f6chten, nutzen wir kleine Gef\u00e4ngnisk\u00e4sten, um dorthin zu gelangen. Alles ist eingez\u00e4unt und jedes Refugium ist mit hohen Heckenw\u00e4llen sogar vor dem Blicken der anderen verborgen. Wir behaupten zwar, Sozialwesen zu sein, wohnen aber in abgeschotteten Zellen, die einem Gef\u00e4ngnis \u00e4hnlich sind. Und ja, auch ich bewohne eine solche Zelle, und ich habe voller Erstaunen tats\u00e4chlich erkannt: Ich bin gerne darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke immer wieder dar\u00fcber nach, warum alles so ist wie beschrieben, und auf welcher Grundlage, auf welcher Kausalit\u00e4t das beruhen k\u00f6nne, was ich t\u00e4glich sehe und erlausche. Haben Menschen unter sich Angst davor, sich zu begegnen, haben sie als Menschen Angst vor dem anderen Leben? Habe ich auch Angst vor den\/dem Anderen? Als Einzelg\u00e4nger, der ich (geworden) bin ist dieser Schluss doch naheliegend. Ist eigentlich das Abschotten, das Ordnung halten und sich sch\u00fctzen vor dem Anderen eine typisch menschliche Eigenschaft, und woher kommt diese Eigent\u00fcmlichkeit, die uns vor allen anderen Wesen allein stellt. Was ist das Unbekannte hinter diesen Erscheinungen, denn wenn solche Fragen auftauchen k\u00f6nnen, wie ich sie gerade stelle, wissen wir doch\/noch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Absicht, mit einem Zen-Meister \u00fcber diese Frage zu sprechen, habe ich k\u00fcrzlich in einem Gespr\u00e4ch angemerkt, das \u201eich Angst habe vor\u2026\u201c, und er antwortete kurz und pr\u00e4gnant mit der Aufforderung, ob ich diese Angst denn beschreiben k\u00f6nne. Ich konnte es nicht, und er beendete das Gespr\u00e4ch mit der Feststellung, das ich \u00fcberhaupt keine Ahnung habe \u00fcber meine Angst\u2026 Ich habe das als Aufforderung verstanden, das ich mir Gedanken machen solle \u00fcber meine \u00c4ngste und so weiter. Das habe ich getan. Und ich bin ersch\u00fcttert \u00fcber die K\u00fcmmerlichkeit, die dar\u00fcber zu Tage trat. Heute, Monate sp\u00e4ter, k\u00f6nnte ich etwas \u00fcber meine Angst sagen. Heute ist mir auch klar, warum ich die Anfrage nicht beantworten konnte. Und mir ist klar, das es nicht in meiner Macht steht, diesen meinen Kummer wirksam zu beenden. Es ist n\u00e4mlich nicht der andere Mensch, nicht das andere Wesen, nicht die Angst vor eigenem Versagen, Unwissen oder eigenem Verlust, der mich mehr als gew\u00f6hnlich umtreibt, sondern es ist wahrscheinlich einzig und allein die Angst vor der Angst der anderen Menschen, die mir Kummer bereitet. Ich sehe sie, wohin ich schaue, jeden Tag, jede Stunde. Ich versuche mal, das aus der ganz pers\u00f6nlichen Lebensgeschichte zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Angst beruht wie nahezu alles auf unserer Welt auf einem Begehren, etwas zu erlangen, zu behalten oder der Option, \u00fcber etwas verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die ersten beiden relativ einfach zu verstehen sind, ist das dritte Motiv ein sehr schwer zu beschreibendes Ph\u00e4nomen menschlichen Denkens. \u00dcber \u201eetwas verf\u00fcgen zu k\u00f6nnen\u201c n\u00e4mlich ist nicht klar definierbar. Ich kann das Begehrte ablehnen, annehmen, nutzen, in Bereitschaft halten, f\u00fcr sp\u00e4ter aufheben und so weiter. Das ist die einfache Sichtweise, noch gut zu verstehen. Aber ich kann auch \u00fcber etwas verf\u00fcgen wollen, um das Gegenteil der letzten Aufz\u00e4hlung zu erreichen, zum Beispiel, etwas abzulehnen, um es zu bekommen, kann versuchen, etwas zu erlangen, um es nutzlos zu machen, kann \u00fcber etwas verf\u00fcgen nur deshalb, um mit dessen Anwendung drohen zu k\u00f6nnen oder etwas nur deshalb haben wollen, damit es andere nicht haben k\u00f6nnen. Man nennt diese Vorgehensweisen gerne Taktik, Strategie oder Intelligenz, und alle diese Formen der T\u00e4uschung haben vereinfacht ausgedr\u00fcckt etwas mit Macht zu tun, Macht, auf andere Wesen einzuwirken oder sie zu Gunsten eines Begehrens manipulieren zu k\u00f6nnen. Und die oben genannten Optionen dieses menschlichen K\u00f6nnens sind ja noch die einfachen Formen. Ich kann ja auch etwas annehmen, was ich nicht begehre, weil ein Freund, den ich nicht entt\u00e4uschen m\u00f6chte (&#8230;weil ich ihn irgendwie brauche) annimmt, das ich es f\u00fcr mich w\u00fcnsche m\u00fcsse, obwohl genau das nicht zutrifft. Ich kann auch etwas ablehnen, was ich begehre, weil ein Feind, den ich entt\u00e4uschen m\u00f6chte (&#8230;um ihn zu schw\u00e4chen), annimmt, das ich es f\u00fcr mich w\u00fcnsche m\u00fcsse, was auch zutrifft. Und das sind nur zwei Motive aus einem ganzen Portfolio an M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mir also Angst macht und Sorge zu bereiten scheint ist die F\u00fclle dieser nicht nachvollziehbaren Irrationalit\u00e4ten und T\u00e4uschungsm\u00f6glichkeiten, denen Menschen in Gesellschaften immerzu ausgesetzt sind. Und niemand kann sich sicher sein, das er mit diesem Wissen im Gep\u00e4ck jemals wieder eine richtige und sinnvolle Schlussfolgerung ziehen kann. <sup class='footnote'><a href='#fn-714-1' id='fnref-714-1' onclick='return fdfootnote_show(714)'>1<\/a><\/sup> Was daraus resultiert ist eine permanente Abwesenheit von Sicherheit. Diese wird, und das erz\u00e4hlen nahezu alle Traditionen der Menschheit, abgefedert und verdeckt durch eine F\u00fclle von Vorstellungen und Gewohnheiten, die in Form von Normen und Urteilen diese F\u00fclle auf \u00dcbersichtlichkeit reduzieren. Sie vermitteln Handlungsanweisungen mit dem Mitteln von Erz\u00e4hlungen, Sitte, Moral, Tabus, Gesetze und Ideen, die vorgefertigt die Auswahl erleichtern sollen. Um zu funktionieren, m\u00fcssen diese Vorstellungen aber durchgesetzt werden. Daf\u00fcr stattet man einzelne Gestalten mit Macht aus, die irgendwie begr\u00fcndet und dann von allen anderen auch akzeptiert werden m\u00fcssen. Diese Macht aber ist ein verf\u00fchrerisches Verm\u00f6gen, das zu kleinen, gro\u00dfen und \u00fcbergro\u00dfen Begehrlichkeiten befl\u00fcgeln kann. Und es ist zus\u00e4tzlich noch sehr wahrscheinlich, das Machtaus\u00fcbung dieser Art zu Widerstand f\u00fchren wird. <\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p><em><strong>Autobiographischer Exkurs:<\/strong><\/em> Nun ist mir dieses Wissen nicht einfach so zugeflogen, sondern es beruht auf einer F\u00fclle von Erfahrungen, die mir aus vielen Quellen heraus zuteil wurden. Familie, Schule, Ausbildung, Arbeit, Verein und andere Lebensbereiche waren daran ma\u00dfgeblich beteiligt. Und vielleicht ist es die H\u00e4ufung, die hier den Pfad getrampelt hat, die mich zum Einzelg\u00e4ngertum gef\u00fchrt hat. F\u00fcr mich waren seit ich denken kann Macht und T\u00e4uschung die Grundmotive aller gemachten Erfahrungen. Was sie zerst\u00f6rt bzw. zumindest ged\u00e4mpft haben ist mein Vertrauen in die Mitmenschen. In vielen Zeiten meines Lebens waren R\u00fcckzug und Distanz-Halten meine einzigen M\u00f6glichkeiten zum \u00dcberleben. H\u00e4ufig auf mich allein gestellt zu sein und meine Bed\u00fcrfnisse ohne Hilfe durchpauken zu m\u00fcssen war\/ist nicht f\u00f6rderlich f\u00fcr ein Leben in Gemeinschaften. So erkl\u00e4re ich mir heute meine Angst vor der Angst der Anderen. F\u00fcr mich sind Menschen, die Macht aus\u00fcben, um ein Begehren zu befriedigen, immer \u00e4ngstliche Menschen, Menschen die sich f\u00fcrchten vor dem Alleinsein, dem Verlust ihres Begehrens oder der Einordnung auf einem niederen Rang innerhalb der Hackordnung, die durch all diese Vorstellungen erzeugt wird. Das habe ich erstmals in der Schule erlebt, dann in der Ausbildung, auf der Arbeit und sehr viel sp\u00e4ter musste ich sogar herausfinden, das selbst die eigene Familie da in nichts nachstand. Heute, im Ruhestand und in gesicherten Verh\u00e4ltnissen lebend, schaue ich zwar mit etwas gr\u00f6\u00dferer Distanz auf diese Erfahrungen zur\u00fcck, aber sie sind immer noch anwesend und wirken, auch ohne weiterhin gebraucht zu werden. Vielleicht ist das auch der Grund oder die Motivation, die mich zur Meditation gef\u00fchrt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zur\u00fcck zum Sein und der sich stellenden Frage, was die letzten Abschnitte zum Sein beitragen k\u00f6nnen. Sie erkl\u00e4ren vielleicht, wo wir stehen und auf welchen Wegen wir uns abm\u00fchen, aber sie scheinen auch aufzuzeigen, wie weit und wie tief wir in Holzwege eingedrungen sind und selbige durchlaufen haben, ohne jemals zu verstehen, wohin wir in Wirklichkeit gehen. Einige wenige Menschen nur warnen vor einem Weitergehen. Sie machen darauf aufmerksam, das wir gerade \u201eden Ast ans\u00e4gen, auf dem wir sitzen\u201c. Andere proklamieren ein Zur\u00fcck zum nat\u00fcrlichen Leben, wie es vor der Erfindung der Zivilisation stattfand. Weitere wollen den ungebremsten Fortschritt und den Aufbruch ins All, um die verlorenen Ressourcen des Planeten dort aufzuf\u00fcllen. Ich pers\u00f6nlich sehe das etwas einfacher. Wir m\u00fcssen weder vor\/zur\u00fcck noch m\u00fcssen wir irgendwo hin. Nehmen wir einmal an, wir w\u00e4ren schon da, wo wir sein sollten. Und wir entspannen uns und schauen uns um. Da gibt es viele andere, die auch schon da sind, wo sie sein sollten. Das kann doch eigentlich so bleiben. Und wir sehen viele, denen es an Vielem mangelt und die nicht zufrieden sein k\u00f6nnen. Da sollten wir t\u00e4tig sein und zur Zufriedenheit beitragen. Und wir sehen, das auch nach wie vor wider besseres Wissen gro\u00dfe Begehrlichkeiten verfolgt werden. Diese sollten wir bremsen, in dem wir diesen Neigungen selbst nicht folgen und indem wir m\u00f6gliche Belohnungen verweigern. Mehr k\u00f6nnen wir als kleiner Teil einer Masse nicht wirklich tun. Indem wir beispielhaft im Sein bleiben entsteht die M\u00f6glichkeit, das weitere Menschen unserem Beispiel folgen und langsam die Vernunft, was immer man auch darunter als verstanden wird, solange sie \u201eGutes\u201c im Sinn f\u00fchrt, verstehen mag, die gro\u00dfe Masse erreicht. Holzwege k\u00f6nnen nicht r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Sie k\u00f6nnen vielleicht stabilisiert werden, so das weitere Zerst\u00f6rungen vermieden werden. Einen Weg heraus aber gibt es nicht. Macht und T\u00e4uschung waren\/sind die Wegweiser, die in den Holzweg gef\u00fchrt haben. Wir k\u00f6nnen nur aufh\u00f6ren, weiter diesen Hinweisen zu folgen. Ich denke, die Wiedererlangung der F\u00e4higkeit zu Sein h\u00e4tte f\u00fcr dieses Ziel eine gro\u00dfe Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber ist Sein? Jede Antwort darauf, so ist meine Sicht heute, f\u00fchrt zur\u00fcck in einen Holzweg. Der Prozess des Lebens ist eben kein Puzzle, das zusammengesetzt und zerlegt werden kann. Es ist ein Strom, der flie\u00dft. Dem Fluss folgen und ihn nicht aufhalten ist f\u00fcr mich Sein. Unsere Aufgabe als Mensch ist nicht, das Flussbett zu gestalten und nach unseren eigensinnigen W\u00fcnschen einzurichten, sondern lediglich die Hindernisse wegzur\u00e4umen, die das Str\u00f6men verhindern. Mehr geht nicht. Die Wahl besteht f\u00fcr mich daher nur zwischen Holzweg und Sein. Ich denke, wir hatten Holzwege genug in unserer Entwicklungsgeschichte. Es w\u00e4re endlich mal Zeit, im Sein zu verweilen. Machtaus\u00fcbung und T\u00e4uschungen sind die menschlichen Errungenschaften, die dem Sein im Wege stehen. Keine Macht auszu\u00fcben verhindert die Ohnmacht des Gegen\u00fcber. Nicht mehr zu T\u00e4uschen l\u00e4sst sichere Schlussfolgerungen und Erkenntnis zu. Vielleicht kehrt so das Vertrauen in Mitmenschen wieder zur\u00fcck, das dann Grundlage sein k\u00f6nnte\/kann f\u00fcr Frieden und Freiheit, einerseits zwischen Menschen, und folgerichtig dann auch zwischen Natur und Menschen und damit f\u00fcr alle Wesen. F\u00fcr mich w\u00fcrde\/wird das wahrscheinlich wohl zu sp\u00e4t kommen. Zu tief sind die Beulen, zu festgef\u00fcgt sind die Gewohnheiten, zu alt und Niederlagen-reich ist mein Lebensgef\u00fcge und zu fest sind die Erwiderungen, die ich im Gehen des Holzweges habe aufbauen m\u00fcssen, um erneut ein Vertrauens-sicheres Mitglied der Menschengemeinschaft werden zu k\u00f6nnen. Aber ich werde\/w\u00fcrde die allgemeine Ausrichtung auf mehr Sein in jedem Fall begr\u00fc\u00dfen und mich bem\u00fchen, diesen Prozess wohlwollend zu begleiten. Das Urvertrauen an Mitmenschen allerdings werde ich wohl nicht mehr erreichen k\u00f6nnen. Dazu scheint es l\u00e4ngst zu sp\u00e4t zu sein. Vielleicht schaffe ich es aber noch, im Sein anzukommen. Ich w\u00fcrde mich freuen und es w\u00fcrde mir auch gen\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Strom ist alles, der Tropfen ist noch nicht einmal nichts, und jeder von uns ist dieser unendlichen Strom des Lebens. Weil: Es gibt gar keine Tropfen. So einfach ist f\u00fcr mich Sein.<\/p>\n\n\n<div class='footnotes' id='footnotes-714'><div class='footnotedivider'><\/div><ol><li id='fn-714-1'> Das heute ganze Armeen von Wissenschaftlern dieses Wissen durchforsten, aufarbeiten und erweitern hat eben nicht zu L\u00f6sungen gef\u00fchrt, wie das alle anzustreben scheinen, sonder es ist eher ins Gegenteil umgeschlagen. Mechanismen, die etwas verhindern sollen, k\u00f6nnen auch zur Erzeugung desselben genutzt werden. Und genau das sehen wir heute in un\u00fcbersehbarer Dichte. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-714-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li><\/ol><\/div><div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts%2F714&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hpsperzel.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts%2F714&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hpsperzel.de\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"shariff shariff-align-left shariff-widget-align-left\" data-services=\"facebook\" data-url=\"https:\/\/hpsperzel.de\/?p=714\" data-timestamp=\"1658666199\" data-backendurl=\"?rest_route=\/shariff\/v1\/share_counts&\"><ul class=\"shariff-buttons theme-round orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button twitter shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#595959\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/share?url=https%3A%2F%2Fhpsperzel.de%2F%3Fp%3D714&text=Haben%20wir%20verlernt%20zu%20sein%3F\" title=\"Bei X teilen\" aria-label=\"Bei X teilen\" role=\"button\" rel=\"noopener nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#000; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 24 24\"><path fill=\"#000\" d=\"M14.258 10.152L23.176 0h-2.113l-7.747 8.813L7.133 0H0l9.352 13.328L0 23.973h2.113l8.176-9.309 6.531 9.309h7.133zm-2.895 3.293l-.949-1.328L2.875 1.56h3.246l6.086 8.523.945 1.328 7.91 11.078h-3.246zm0 0\"\/><\/svg><\/span><\/a><\/li><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fhpsperzel.de%2F%3Fp%3D714\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><span data-service=\"facebook\" style=\"color:#3b5998\" class=\"shariff-count shariff-hidezero\"><\/span>&nbsp;<\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben wir Menschen verlernt zu sein? Immer wenn ich in meinem Garten stehe und unseren fliegenden Mitbewohnern der Welt zusehe, die hier gerade ihren Nachwuchs aufziehen und alle Schn\u00e4bel voll zu tun haben, habe ich im hintersten Teil meines Kopfes mein eigenes \u201eIn der Welt sein\u201c im Kopf und ziehe Vergleiche. Und da ich seit meinem Ruhestand sehr viel mehr Zeit zur Verf\u00fcgung habe, stehe ich des \u00f6fteren mal in meinem Garten und schaue. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":715,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[27,4],"tags":[80,78,7,77,81,76,82,79,83,12],"class_list":["post-714","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erleben","category-stimmungen","tag-angst","tag-lauschen","tag-leben","tag-natur","tag-ruhe","tag-sein","tag-sicherheit","tag-sorge","tag-strom","tag-vertrauen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/714","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=714"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/714\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":716,"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/714\/revisions\/716"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/715"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=714"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=714"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hpsperzel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=714"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}